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N A. B Das Datum des Osterfestes
Gliederung

Hinweis: Mit Fragen des christlichen Osterrechnung befassen sich noch weitere Abhandlungen auf dieser Seite, so zum Beispiel:
Der Osterstreit: Eine Schilderung des Jahrhunderte langen Ringens der Christen um eine einheitliche Osterfeier.
Das Datum des Weihnachtsfestes: die Entstehungsgeschichte des Weihnachtsfestes und die Beantwortung der Frage, wann heute wo die Geburt Christi gefeiert wird.
Der lunisolare christliche Kalender: Die Osterrechnung nach dem alten Stil und die Änderungen durch die gregorianische Reform
Das Kunstwerk des Lilius: In diesem Beitrag wird noch einmal ausführlicher eingegangen auf die Kalederreform von 1582 und den Beitrag, den Aloisius Lilius hierzu geleistet hat.
Inhaltsverzeichnis: Weitere Artikel zu diesem Themenkreis finden sich hier.


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Das Osterdatum


Die Geschehnisse des Osterfestes nehmen in der christlichen Heilslehre eine zentrale Stellung ein. Einzige Quelle hierzu ist die Bibel. Den Evangelisten ging es bei ihrer Darstellung allerdings mehr um die Verkündung einer Botschaft denn um die Schilderung historischer Ereignisse. Mehr oder weniger unumstritten ist lediglich der zeitliche Zusammenhang der Hinrichtung Jesu Christi mit dem jüdischen Passahfest. Der Bibel zufolge fand die Kreuzigung selbst an einem Freitag dem 14. Nisan statt. Am darauffolgenden Sonntag dem 16. Nisan fanden dann die Frauen das leere Grab vor. Um diese Daten näher zu erläutern, soll zunächst auf den jüdischen Kalender der damaligen Zeit eingegangen werden, der sich in einigen Details von der heutigen Zeitrechnung der Juden unterscheidet.


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Der jüdische Kalender zur Zeit Christi

Der jüdische Kalender ist ein lunisolarer Kalender. Der Tag beginnt mit dem Sonnenuntergang des Vorabends, Grundeinheit ist der am Mondlauf orientierte Monat. Jeder Monat beginnt mit dem Tag, an dessen (Vor-)Abend das Neulicht, das ist die erste schmale Mondsichel nach Neumond, sichtbar ist. Das Gemeinjahr hat 12 Monate zu entweder 29 oder 30 Tagen und somit eine Dauer von ungefähr 354 Tagen. Um nun zu verhindern, dass wie im islamischen Kalender der Jahresanfang und somit auch die einzelnen Monate im Laufe der Zeit alle Jahreszeiten durchlaufen, wurde bei Bedarf, das heisst alle zwei oder drei Jahre, ein Schaltmonat eingefügt, so dass ein jüdisches Schaltjahr 383 bis 385 Tage zählt. Erster Monat war zur Zeit Christi der Frühlingsmonat Nisan. Der Jahresanfang lag damals also Anfang März bis Anfang April. Ob eine Schaltung notwendig war, suchte man an der Natur zu erkennen. Auch für den Monatsbeginn war die direkte Himmelsbeobachtung massgebend. Beobachter inspizierten in der fraglichen Zeit den Abendhimmel, um das Neulicht festzustellen. Wurden ihre Berichte vom Hohen Rat für glaubwürdig erachtet, verbreiteten Boten die Kunde des Neujahrs über das ganze Land.


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Das Passahfest

Zu den hohen jüdischen Feiertagen zählt das Passahfest in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. 2. Moses 12 schildert die Ereignisse. Der bei Moses genannte alttestamentarische Monat Abib entspricht dem späteren Nisan. "Am vierzehnten Tag dieses ersten Monats gegen Abend ist des Herrn Passah und am fünfzehnten desselben Monats das Fest der ungesäuerten Brote"[ 1 ]. Am Nachmittag des 14. Nisan wurde das Osterlamm zubereitet, mit Einbruch der Nacht begann dann die Feiertagsruhe des 15. Nisan. Da der 1. Nisan durch Neulichtbeobachtung festgestellt wurde, fällt der 14. Nisan immer in die Zeit des ersten Vollmonds nach Frühlingsbeginn.


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Das frühchristliche Osterfest

Die christliche Urgemeinde feierte die Erinnerung an das Ostergeschehen gemeinsam mit dem jüdischen Passahfest. Allerdings wandte sich bereits Paulus in seinen Briefen an die Gemeinden gegen die Einhaltung der jüdischen Gebote und der Gültigkeit des jüdischen Festgesetzes. Nach der Zerstörung Jerusalems, als die Einheit des Volkes Israel aufgehoben war und die Juden in der gesamten damals bekannten Welt, sowohl im Abendlande wie auch im Orient neue Wohnsitze zu suchen begannen, konnte das einfache System der Zeugenaussagen nicht mehr beibehalten werden. Der jüdische Kalender geriet zunehmend in Unordnung und allmählich begannen die Juden, ihren Kalender zu berechnen. Das christliche Ostern löste sich immer mehr von der jüdischen Passahberechnung. Die Christen suchten ihren eigenen Weg, Mondkalender und Sonnenkalender in Einklang zu bringen. Man bediente sich hierbei der unterschiedlichsten Zyklen und Rechenmethoden[ 2 ]. Schon sehr früh war man sich einig, dass der Ostertag ein Sonntag sein müsse[ 3 ]. Auch der Grundsatz, dass das Osterfest immer nach dem Äquinoktium zu feiern sei, wurde von der Mehrheit der Christen beachtet. Jährlich wurde der genaue Termin des Festes in Hirtenbriefen von den Bischöfen den Gemeinden mitgeteilt. In Ermanglung genauer Regelungen kam man jedoch zu unterschiedlichen Datierungen. Hinzu kam, dass einige Gemeinden von den genannten Grundsätzen abwichen.

Die Quartadezimanier feierten Ostern ohne Rücksicht auf den Wochentag immer am 14. Nisan. Für sie war Ostern eher eine Erinnerung an das Abendmahl und die Leiden Christi denn eine Auferstehungsfeier. Verbreitet waren sie vor allem in Kleinasien. Allerdings scheint diese Praxis schon zu Ende des dritten Jahrhunderts, also noch vor dem Konzil von Nikäa, langsam ausgestorben zu sein.

Ein grösseres Problem waren die Protopaschisten, die in Syrien, Mesapotamien und einem Teil Kilikiens ansässig waren. Sie orientierten sich weiterhin am Termin des jüdischen Passahfestes und feierten Ostern am Sonntag nach dem (jüdischen) 14. Nisan. Da die Juden bei ihrem Kalender das Äquinoktium nicht mehr hinreichend beachteten, setzten sie das Osterfest häufig einen Monat früher an als die übrigen Christen.


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Das Konzil von Nikäa

Die abweichenden Osterfeiern waren ein Ärgernis für die Kirche. Mehrere Konzilien befassten sich mit dieser Frage. Das Konzil von Nikäa hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Einheit des christlichen Glaubens zu stärken und die Osterfrage war ein wichtiger Punkt dieses Konzils.

Der Wortlaut der Akten dieses Konzils betreffs des Osterfestes ist nicht bekannt. Erhalten ist allerdings ein Schreiben Kaiser Konstantins, das dieser unmittelbar nach dem Konzil bei denjenigen zirkulieren liess, die der Versammlung nicht beigewohnt hatten, sowie ein Schreiben der Synode an die alexandrinischen Kirchen und an die libyschen Bischöfe. Aus beiden Schreiben geht hervor, dass die Bischöfe sich insbesondere mit den Protopaschisten auseinandersetzen und sich dagegen wandten, dass Christen die Osterfeier mit den Juden begehen, wodurch es vorkomme, dass sie zweimal im Jahr Ostern feiern, nämlich einmal nach und ein knappes Jahr später dann vor dem Äquinoktium[ 4 ].

Nach allem, was überliefert ist[ 5 ], kam das Konzil in der Osterfrage zu folgenden Beschlüssen: Oberstes Ziel war es, die Notwendigkeit der Einigkeit in der Osterfrage zu wahren und jede Sonderregelung auszuschliessen. Gegen die Protopaschisten wurde daher angeordnet, dass der 14. Nisan nie vor das Äquinoktium fallen dürfe, gegen die Quartadezimanier, dass Ostern immer auf den Sonntag nach dem 14. Nisan zu fallen habe[ 6 ]. Ob, wie später aufgrund eines Briefes von Papst Leo I. an Kaiser Marcian aus dem Jahre 453 geschlossen wurde, der Bischof von Alexandria vom Konzil den Auftrag erhalten hatte, jährlich das Osterfest berechnen zu lassen und dies dann dem Papst mitzuteilen, "damit durch diesen die übrigen Kirchen benachrichtigt werden, wann das Osterfest zu feiern sei"[ 7 ], sei dahingestellt. man geht inzwischen davon aus, dass es sich hierbei um eine apologetische Fälschung handelt. Offensichtliche Praxis war es jedoch, dass sich der Bischof von Rom und der Bischof von Alexandria in dieser Frage austauschten.

Das Konzil verabschiedete mit Sicherheit keine Vorschrift, wie das Osterfest zu berechnen sei. Weder legte es fest, dass das Frühlingsäquinoktium auf den 21. März falle, noch dürfte der "Frühlingsvollmond" eine Rolle gespielt haben. Es ging vielmehr darum, einen Kalender zu entwickeln, bei dem die Vorgaben des Konzils umgesetzt werden, bei dem also der 14. Nisan immer in die Zeit nach dem Frühlingsäquinoktium fällt, und in dem dieser Tag möglichst der Tag des Vollmondes ist. Die Ausarbeitung entsprechender Regeln war Aufgabe von Astronomen und Mathematikern, nicht von Bischöfen.

Die beabsichtigte Einheit in der Osterfeier erreichte das Konzil noch nicht. Einzelne orientalische Gemeinden blieben bei dem Brauch, Ostern mit dem Passah der Juden zu feiern. Sie wurden mit Ausschliessung aus der Kirche bedroht. Aber auch zwischen dem Patriarchen von Alexandria und dem Papst in Rom kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen in der Osterfrage und zu abweichenden Ostern in Rom. Nicht zuletzt dies zeigt, dass die Beschlüsse des Konzils keine eindeutige Verfahrensweise bei der Osterberechnung vorschrieben. Es dauerte noch Jahrhunderte, bis sich die Berechnung der alexandrinischen Astronomen auch im Abendlande durchsetzte. Um 530 erstellte Dionysius Exiguus seine Ostertafeln, die auf den alexandrinischen Rechenregeln beruhten, und die später von Beda (672 - 735) als allgemeinverbindlich durchgesetzt wurde. Ab der Mitte des 8. Jahrhunderts war somit die Forderung des Konzils erfüllt, dass alle Christen Ostern zu gleicher Zeit feiern sollen.


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Die Osterrechnung der Alexandriner

Erste Schwierigkeit war, den genauen Termin des Frühlingsäquinoktiums herauszufinden, ein durchaus nicht triviales Problem. Man legte den 21. März fest, was den Verhältnissen im 3. Jahrhundert recht nahe kam. Zu Beginn des 4. Jahrhunderts tendierte das Äquinoktium bereits stark zum 20. März hin, wie die folgende Tabelle zeigt:
A: Jahr
B: Äquinoktium, bezogen auf Ortszeit Jerusalem (20.50 bedeutet also 20. März, 12.00 Uhr)
A B A B A B
300 20.52 309 20.70 318 20.88
301 20.76 310 20.94 319 21.12
302 21.01 311 21.19 320 20.37
303 21.25 312 20.43 321 20.61
304 20.49 313 20.67 322 20.85
305 20.73 314 20.91 323 21.09
306 20.97 315 21.15 324 20.33
307 21.22 316 20.40 325 20.58
308 20.46 317 20.64 326 20.82

Nach diesem ersten Schritt galt es nun, einen Modus zu finden, der den 14. Nisan immer möglichst kurz auf diesen 21. März folgen lässt. In den christlichen Quellen ist nicht mehr von einem Monat Nisan die Rede, sondern nur noch vom 14. Tag des ersten Monats oder vom 14. Tag des Ostermonats. Dennoch soll im Folgenden der Klarheit und Einfachheit wegen der Name Nisan für den Frühlingsmonat weiter verwendet werden.

Wie die alexandrinischen Astronomen bei der Bestimmung des Ostertermins vorgegangen sein mögen, sollen die folgenden Darlegungen beispielhaft erläutern:

Es stellt sich hier das Problem, Sonnen- und Mondjahr miteinander in Verbindung zu setzen. Man griff auf die seit dem Altertum bekannte Erkenntnis zurück, dass 19 Sonnenjahre (nahezu) gleich sind 235 synodischen Monaten, das sind 12 Gemeinjahre zu 12 Monaten und 7 Schaltjahre zu 13 Monaten. Das heisst also, dass alle 19 Jahre Neumond, Vollmond und jede andere Mondphase wieder auf das gleiche Datum im Sonnenkalender fällt. Die Differenz zwischen Sonnen- und Mondjahr beträgt bekanntlich circa 11 Tage. Man stellte nun fest, dass im 1. Zyklusjahr der 14. Nisan auf den 5. April fällt. Im folgenden Jahr muss er dann 11 Tage früher liegen, also am 25. März. Ein Jahr darauf würde der 14. Nisan am 14. März liegen, also vor dem Äquinoktium. Es muss daher ein Schaltmonat von 30 Tagen eingeschoben werden und der 14. Nisan fällt dann auf den 13. April. Insgesamt gibt es also nur 19 Daten, auf die der 14. Nisan fallen kann, eine handliche kleine Liste:

Zyklusjahr Epakte 14. Nisan
Goldene
Zahl
alex. luna XIV
1 0 36. März
2 11 25. März
3 22 44. März
4 3 33. März
5 14 22. März
6 25 41. März
7 6 30. März
8 17 49. März
9 28 38. März
10 9 27. März
11 20 46. März
12 1 35. März
13 12 24. März
14 23 43. März
15 4 32. März
16 15 21. März
17 26 40. März
18 7 29. März
19 18 48. März
1 0 36. März

Bei allen Bestimmungen des Osterdatums spielen nun die Epakten eine grosse Rolle. Über sie ist viel gerätselt worden. Wie man aus der obigen Tabelle sieht, braucht man die Epakten nicht. Aus der Goldenen Zahl ergibt sich direkt das Datum des 14. Nisan ohne irgendwelche Umwege. Was sind aber Epakten wirklich und wozu wurden sie eingeführt. Eine Antwort ergibt sich aus dem Missale Romanum, wo es heisst: "Epakta nihil aliud est, quam numerus dierum, quibus annus Solaris communis dierum 365. annum communem Lunarem dierum 354. superat". Die Epakte zeigte also die Differenz zwischen Sonnenjahr und Mondjahr in Tagen an. Um zu verstehen, warum sie von den alexandrinischen Astronomen eingeführt wurden, muss man sich vor Augen halten, dass es damals, also im 4. Jahrhundert, im Nahen Osten und im Mittelmeerraum eine Vielzahl von Kalendern mit unterschiedlicher Epoche, unterschiedlicher Schaltung und unterschiedlichen Monatsanfängen gab. Um nun nicht für jede Region einen eigenen Kalender herausgeben zu müssen, ging man wohl diesen Umweg über die Epakten. In den verschiedenen Kalendern wurden die Epakten eingetragen, und so konnte jeder in seinem Kalender, wie dieser auch immer geschaltet sein mochte, die Festtage ablesen.


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Die Kalenderreform von 1582

So einfach und praktikabel die geschilderte Regelung auch gewesen sein mag, sie hatte doch einen grossen Nachteil: sie war ungenau. Im Laufe der Jahrhunderte wich das so errechnete Datum des "Frühlingsvollmondes" immer mehr von dem tatsächlichen Lauf der Gestirne ab. Eine von Papst Gregor XIII. eingesetzte Reformkommission erarbeitete Vorschläge zur Verbesserung des Kalenders und der Osterberechnung die dann 1582 durch päpstliches Dekret in Kraft gesetzt wurden.

Grundsatz der Reform war, die bisherigen Rechenmethoden nach Möglichkeit beizubehalten, sie jedoch dahingehend zu modifizieren, dass sie den astronomischen Gegebenheiten möglichst nahe kamen. Eine Fehlerquelle lag darin, dass man 19 Mondjahre zu 235 Monaten mit 19 Sonnenjahren zu 365 Tagen gleichsetzte. 235 Mondmonate ergeben rund 6939.691 Tage[ 8 ], während 19 julianische Sonnenjahre 6939.75 Tage ergeben. Dies ergibt eine Differenz von ca. 1 Stunde und 25 Minuten alle 19 Jahre oder von ca. einem Tag alle 312 Jahre. Man errechnete, dass im Laufe der vergangenen Jahrhunderte eine Differenz von 3 Tagen zwischen dem Vollmondtag und dem 14. Nisan aufgetreten war. Daher verschob man im ersten Zyklusjahr den 14. Nisan vom 5. April auf den 2. April. Ferner beschloss man, ab 1800 all 300 Jahre einen weiteren Tag zurückzuschreiten, das heisst die Epakte um 1 zu erhöhen. Diese Angleichung an den Mondlauf nannte man äquatio lunaris[ 9 ].

Aber auch das Sonnenjahr hatte man falsch berechnet. Ein astronomisches Jahr hat eine Länge von rund 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten und 46 Sekunden. Pro Jahr trat also gegenüber dem Kalenderjahr eine Abweichung von 11 Minuten und 14 Sekunden auf, in 400 Jahren macht dies rund 3 Tage, 2 Stunden und 54 Minuten, also gut 3 Tage, aus. Um die seit dem Konzil von Nikäa aufgetretene Differenz von 10 Tagen auszugleichen und den Frühlingsanfang wieder auf dem 21. März (mit Tendenz zum 20. März) zurückzuverlegen, beschloss man, einmalig 10 Tage ausfallen zu lassen. Auf den 4. Oktober 1582 folgte der 15. Oktober. Ausserdem waren in Zukunft die Jahrhunderte mit Ausnahme der durch 400 ohne Rest teilbaren keine Schaltjahre mehr[ 10 ].

Für die Osterberechnung führte das zu einigen Änderungen. Zum einen wurden die Epakten neu angeordnet. Alle Jahreskennzeichen - somit auch die Epakten - wechselten nun mit dem 1. Januar. Daher kam nun nicht mehr Epakte 0, geschrieben meist als Epakte *, auf den 5. April zu liegen wie bei den Alexandrinern, sondern Epakte VIII. Ferner musste man den 14. Nisan, den man wegen der äquatio lunaris im ersten Zyklusjahr auf den 2. April zurückverlegt hatte, wegen der äquatio solaris um 10 Tage vorverlegen und gelangte so auf den 12. April und die Epakte 1. Wie sich diese Änderungen im Laufe der Jahrhunderte in Bezug auf das erste Zyklusjahr auswirken, mag die folgende Tabelle zeigen:

aequatio
lunaris
aequatio
solaris
Epakte
neu
14. Nisan
für 1. Jahr
bis 15828 5. April
ab 1582-3+10112. April
ab 1600 001 12. April
ab 17000+1*13. April
ab 1800-1+1*13. April
ab 19000+129 14. April
ab 2000002914. April
ab 2100-1+12914. April
ab 22000+128 15. April
u.s.w.

Natürlich änderten sich auch die Daten übrigen Zyklusjahre nach dem dargestellten Schema. Gab es bisher für die 19 Zyklusjahre auch nur 19 mögliche Daten für den 14. Nisan, so konnte nunmehr infolge der Verschiebung der Epakten der 14. Nisan auf jedes beliebige Datum zwischen dem 21. März und dem 19. April fallen. Die folgende Tabelle zeigt den "Frühlingsvollmond" für alle möglichen Epakten:

Epakte  14. Nisan  Epakte  14. Nisan  Epakte  14. Nisan 
*13. April10 3. April2024. März
112. April11 2. April2123. März
211. April12 1. April2222. März
310. April1331. März2321. März
4 9. April1430. März2419. April
5 8. April1529. März2518. April
6 7. April1628. März2617. April
7 6. April1727. März2716. April
8 5. April1826. März2815. April
9 4. April1925. März2914. April

Dies schuf ein weiteres Problem. Das späteste Osterdatum war bisher der 25. April. Im 8. Zyklusjahr fiel der 14. Nisan auf den 18. April. Bei den Alexandrinern gehörte zum 18. April Epakte 17, nach der Neuordnung des Kalenders stand nun hier die Epakte 25. War dieser Tag ein Sonntag, so war Ostern am folgenden Sonntag dem 25. April. Nach den Vorschlägen der Reformkommission war nun aber auch eine Epakte 24 möglich, die auf den 19. April fallen müsste. Ist dieser Tag ein Sonntag, so wäre Ostern am 26. April. Ein so spätes Ostern hatte es bisher noch nie gegeben. Eigentlich ist gegen einen 14. Nisan am 19. April nichts einzuwenden. Fällt ein Vollmond auf den 20. März, so ist dieser Tag als 14. Nisan nicht zu nehmen, da er vor dem als Frühlingsäquinoktium definierten 21. März liegt. Der nächste Vollmond wäre dann am 19. April. Eine solche Regelung wäre auch konzilskonform[ 11 ].

Da aber nicht sein durfte, was es noch nie gegeben hatte, suchte man einen Weg, ein Ostern am 26. April zu vermeiden. Einfach und ehrlich wäre es gewesen, dies zuzugeben und Ostern in den seltenen Fällen, in denen es auf den 26. April fällt, eine Woche früher anzusetzen. Man glaubte aber, dadurch gegen die Beschlüsse des Konzils von Nikäa zu verstossen. So verfiel man auf den Ausweg, die Epakte zu verlegen und beschloss, dass für Epakte 24 der 18. April zu nehmen sei. Solange der 19. April kein Sonntag ist, ändert sich am Osterdatum nichts. Fällt aber der 19. April auf einen Sonntag, so ist an diesem Tag Ostern. Man sah darin allerdings keinen Verstoss gegen das Konzil, da ja vorsichtshalber der 14. Nisan auf den 18. April vorverlegt worden war[ 12 ].

Indem man dieses Loch gestopft hatte, hatte man sich aber ein noch grösseres Problem geschaffen. Es kann der Fall eintreten, dass innerhalb eines 19jährigen Zyklus sowohl Epakte 24 wie auch Epakte 25 vorkommen. Bei Epakte 24 wurde der 14. Nisan vom 19. auf den 18. April verlegt, bei Epakte 25 fällt der 14. Nisan turnusmässig auf den 18. April. Man hätte also innerhalb von 19 Jahren den "Frühlingsvollmond" zweimal auf den gleichen Tag gelegt, was die überkommenen Regeln natürlich vollkommen durchbrochen hätte. Einziger Ausweg schien, Epakte 25 ebenfalls um einen Tag auf den 17. April vorzuverlegen. Dies tat man allerdings nur dann, wenn Epakte 24 und Epakte 25 im gleichen Zyklus auftreten. Gab es innerhalb des Zyklus keine Epakte 24, so bleibt Epakte 25 auf ihrem angestammten Platz 18. April. Solange der 18. April kein Sonntag ist, hat diese Verlegung keinen Einfluss auf das Osterdatum[ 13 ].

Die obige Tabelle ist nun folgendermassen zu modifizieren:

Epakte 24 und Epakte 25 im gleichen Zyklus
Epakte 14. Nisan
2517. April z.B. in den Jahren:  1900 - 2199
2418. April;

Epakte 25, nicht jedoch Epakte 24 im gleichen Zyklus
Epakte 14. Nisan
2617. April z.B. in den Jahren:  1700 - 1899
2518. April2300 - 2399

Epakte 24, nicht jedoch Epakte 25 im gleichen Zyklus
Epakte 14. Nisan
2617. April z.B. in den Jahren:  1582 - 1699
2418. April2200 - 2299

So hatte man es verstanden, den einfachen Tatbestand, dass man Ostern am 26. April nicht wünschte, so zu verschleiern, dass wohl kaum ein Laie, vielleicht aber auch einige Mitglieder der Reformkommission selbst, die ganzen Manipulationen nicht mehr durchschauten. Eine Meisterleistung der theologischen Mathematik!

Diese Kalenderreform wurde 1582 sofort nur von den katholischen Ländern Mittel- und Südeuropas übernommen. Weitere katholische Länder folgten relativ schnell, während die protestantischen Staaten die Bestimmungen der Reformkommission nur sehr zögernd übernahmen.


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Die Kalenderreform der Ostkirchen

Alle orientalischen christlichen Kirchen hielten bis nach dem Ersten Weltkrieg an dem julianischen Kalender fest. Nachdem nun aber nahezu alle Staaten den reformierten Kalender eingeführt hatten, sahen sich auch diese Kirchen vor die Notwendigkeit gestellt, ihren Kalender zu reformieren. Im Mai 1923 tagte in Konstantinopel unter dem Vorsitz des ökumenischen Patriarchen Melitus IV. ein Kongress der orthodoxen orientalischen Kirchen, worunter in erster Linie die russische, die griechische, die serbische und die rumänische Kirche zu verstehen sind, und zu dem auch Vertreter der Staatsgewalt und Wissenschaftler der betroffenen Länder herbeigezogen wurden, um über diese Fragen zu diskutieren. Man beschloss, den julianischen Kalender durch einen neuen Kalender zu ersetzen und kam zu den folgenden Ergebnissen:[ 14 ]

Angleichung des Sonnenkalenders (aequatio solaris): Um die bis dahin aufgelaufene Differenz von 13 Tage auszugleichen solle der 1. Oktober 1923 als 14. Oktober gezählt werden. Weiterhin sollen alle durch 4 ohne Rest teilbaren Jahre Schaltjahre sein, nicht jedoch die Jahrhunderte, es sei denn, es entstehe bei der Teilung der Jahrhundertzahlen durch 9 der Rest 2 oder 6. Das bedeutet, dass weiterhin wie im gregorianischen Kalender die Jahre 2000 und 2400 Schaltjahre sein werden, die Jahre 2100, 2200, 2300, 2500, 2600, 2700 dagegen Gemeinjahre. Nun aber kommt der grosse Unterschied: Das Jahr 2800 wird im gregorianischen Kalender (und somit im staatlichen Kalender wohl aller zivilisierten Staaten) ein Schaltjahr sein, nicht aber in der orthodoxen Kirche. Von da ab werden sich kirchlicher Kalender und staatlicher Kalender für 100 Jahre um einen Tag unterscheiden und die Ostkirchen werden Weihnachten einen Tag früher feiern als die Westkirchen[ 15 ].

Berechnung des Ostertermins: Das Osterfest wird an jenem Sonntag gefeiert, der dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsäquinoktium nachfolgt. Diese Termine werden auf Grund astronomischer Berechnungen bestimmt, wobei die Ortszeit von Jerusalem massgebend ist.

Die Konferenz war offensichtlich der Meinung, dass diese Bestimmungen sofort von der russischen Kirche angenommen worden seien und die anderen Kirchen bald nachfolgen würden. Allerdings war dies etwas zu optimistisch gewesen. Nur die autokephale Kirche Rumäniens führte die astronomische Osterberechnung und den gregorianischen Kalender (modifiziert oder nicht) unverzüglich ein. Bei anderen Kirchen, die an diesen Beschlüssen mitgewirkt haben, namentlich auch bei den Serben und Russen, scheinen die Reformen erst einmal nur auf dem Papier gestanden zu haben, obwohl schon 1923 der serbische Kongress der kirchlichen Würdenträger ihnen voll zugestimmt hatte. Das eigenmächtige Vorgehen des Patriarchen Tychon wurde von der russischen Othodoxie nicht mitgemacht[ 16 ].

In Griechenland wurde der neue (gregorianische) Kalender aufgrund eines staatlichen Gesetztes 1924 eingeführt, und zwar dergestalt, dass auf den 9. März alten Stils der 23. März neuen Stils folgte. Die griechisch orthodoxe Kirche übernahm für alle unbeweglichen Feste den neuen Kalender, bezüglich der Festlegung des Osterdatums blieb sie jedoch bei der alten Regelung. Ähnlich verhielten sich weitere orthodoxe Kirchen, wobei unklar ist, welche Schaltregel gilt. Endgültig wird sich dies wohl erst im Jahr 2800 feststellen lassen. In Griechenland hielten einige Konservative jedoch auch für die unbeweglichen Feiertage am alten Kalender fest. Dies führte zu einer Spaltung der griechischen Kirche in Neukalendarier und Altkalendarier. Wer die wahre griechisch orthodoxe Kirche (zumindest in Deutschland) repräsentiert, muss demnächst das Bundesverfassungsgericht entscheiden[ 17 ]. Es scheint jedoch Hinweise darauf zu geben, dass die orthodoxen Kirchen dem neuerlichen Osterstreit ein Ende setzen möchten.

Wie dem auch sei, Faktum ist, dass es seit 1924 drei Ostertermine im Jahr geben kann, einmal nach den alten Stil, einmal nach den Bestimmungen der Reform von 1582 und letztendlich noch ein drittes Mal nach den neuen Regeln einiger orthodoxen Kirchen vom Jahre 1923. Das Hauptziel des Konzils von Nikäa, einheitliche Osterfeiern für alle Christen, ist heute weiter entfernt denn je.


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Fussnoten

[ 1 ] 3. Moses 3
[ 2 ] Die ausführlichste Darstellung der frühchristlichen Osterzyklen findet sich bei Strobel(1977).
[ 3 ] Die Urchristen feierten sogar jeden Sonntag das Andenken an die Auferstehung
[ 4 ] nach Ginzel(1914) Bd. 3, S. 217
[ 5 ] am ausführlichsten noch Eusebius in seiner Schrift "Über das Osterfest". Strobel (1977), S. 24 - 27 bringt eine deutsche Übersetzung und eine ausführliche Erläuterung der wichtigsten Abschnitte aus diesem Werk.
[ 6 ] Zwar gab es im Osterkalender der Christen keine Namen mehr für die einzelnen Monate, dennoch soll hier der Ausdruck "14. Nisan" für den Jahrestag der Kreuzigung weiter verwendet werdet anstelle der sperrigen Ausdrücke wie "Luna IV des ersten Monates" etc.
[ 7 ] nach Ginzel a. a. O.
[ 8 ] Bei dieser und den folgenden Berechnungen wurde die Akzeleration nicht berücksichtigt. Aufgrund der Gezeitenreibung und anderer Faktoren verlangsamt sich die Rotationsdauer der Erde. Dies bewirkt unter anderem, dass sich die Himmelsbewegungen scheinbar beschleunigen. So nimmt die mittlere Dauer des Monats in 1000 Jahren circa 0.17 Sekunden ab, die des tropischen Jahres im gleichen Zeittraum rund 5.3 Sekunden. So gering dieser Betrag auf den ersten Blick sein mag, die Abweichungen bei Berechnungen mit oder ohne Berücksichtigung der Akzeleration betragen pro Jahr in 1000 Jahren rund 45 Minuten, in 2000 Jahren rund 3 Stunden und in 10000 Jahren schon rund 3 Tage.
[ 9 ] Die Reformkommission hatte sogar eine noch kompliziertere Regelung beschlossen: Beginnend mit 1800 sollte man bis zum Jahre 3900 alle 300 Jahre einen Epaktensprung vornehmen, dann allerdings erst wieder nach 400 Jahren, so dass ein Schaltzyklus von 25 Jahrhunderten entsteht.
[ 10 ] Pro Jahr beträgt die Differenz ca. 0.0078 Tage. Der Kehrwert hiervon ist 128.19. Genauer wäre es also gewesen, alle 128 Jahre einen Schalttag ausfallen zu lassen. Dass die gefundene Regel sehr viel praktikabler ist, liegt auf der Hand.
[ 11 ] Dieser Fall trat ein im Jahre 1981. Frühlingsäquinoktium war damals am 20.3. um 19:09 Uhr Ortszeit Jerusalem, kurz vorher, nämlich um 17:45 Uhr war Vollmond. Dieser Vollmond konnte als "Frühlingsvollmond" nicht zählen. Nächster Vollmond war am 19.4. um 10:23 (Ortszeit Jerusalem), einem Sonntag. Der Teil der orthodoxen Christen, die Ostern astronomisch berechnen, überschritt daher 1981 erstmals die Ostergrenze 25. April und feierte Ostern am 26. April.
[ 12 ] Dieser Fall trat ein in den Jahren 1609 und 1981 und wird wieder eintreten im Jahr 2076.
[ 13 ] Bisher wirkte sich diese Regelung nur einmal aus, nämlich im Jahr 1954. Regulär wäre der 14. Nisan am Sonntag dem 18. April gewesen, Ostern also am 25. April. Durch die Epaktenverlegung fiel nun der 14. Nisan auf den 17. April, Ostersonntag auf den 18. April. Frühlingsvollmond war in diesem Jahr am 18. April gegen 8 Uhr Ortszeit Jerusalem. die Manipulationen mit der Epaktenverlegung hatten also in dem bisher einzigen Fall, in dem sie sich auf das Osterdatum auswirkten, genau das zum Ergebnis, was das Konzil von Nikäa hatte verhindern wollen: Ostern am Tag des Frühlingsvollmondes.
[ 14 ] M. Milankovitch: Das Ende des julianischen Kalenders und der neue Kalender der orientalischen Kirchen, in: Astronomische Nachrichten, Bd. 220, 1924, Sp. 379 - 384. Milankovitch war selbst als Delegierter der Regierung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slovenen und als Vertreter der astronomischen Wissenschaften bei diesem Kongress anwesend. Diese Beschlüsse sind ein schönes Beispiel dafür, was herauskommt, wenn Wissenschaftler und Bischöfe sich miteinander beratschlagen
[ 15 ] Die Begründung "eine glatte Annahme des gregorianischen Kalenders sei aber nicht nur aus kirchlichen, sondern auch aus wissenschaftlichen Gründen nicht ratsam", erinnert stark an die Begründung der Reformkommission von 1582: "ne cum Judaeis conveniamus". Man wollte sich unterscheiden.
[ 16 ] vergleiche Lange (1928), S. 54 - 67 und Seite 84.
[ 17 ] König Ludwig II. von Bayern widmete 1839 die Salvatorkirche "dem griechischen Cultus". 1976 wechselte die jetzige Kirchengemeinde von den Neu- zu den Altkalendarien, womit sie zumindest nach Meinung der Mehrheit der orthodoxen Christen in Bayern gegen die allgemeinen Grundsätze der Orthodoxie verstossen habe und damit das Recht auf die Nutzung an dieser Kirche verloren habe. Gegen ein erstes Urteil des Obersten Bayerischen Verwaltungsgerichtes ist Verfassungsbeschwerde eingelegt worden. (Vergleiche Süddeutsche Zeitung vom 18. Februar 1997, Seite 35).
Nachtrag: Im Januar 1999 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die Salvatorkirche der neukalendarischen Metropolie zu überlassen sei. (SZ vom 9./10. Januar 1999)


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